Das Ende des „Anti-Aging“-Kampfes
Hand aufs Herz: Der Begriff „Anti-Aging“ fühlt sich oft nach einem verlorenen Kampf gegen die Zeit an. Er impliziert, dass wir gegen die Natur arbeiten oder Vergangenes mühsam reparieren müssen. In der dermo-kosmetischen Wissenschaft vollzieht sich deshalb gerade ein entscheidender Paradigmenwechsel: Wir bewegen uns weg vom defensiven Reparieren hin zur proaktiven System-Optimierung – wir sprechen heute von „Pro-Youth Skin Health“.
Willkommen in der Pro-Youth-Ära
Während wir jahrelang versucht haben, die sichtbaren Zeichen der Zeit oberflächlich zu korrigieren, erlaubt uns die moderne Wissenschaft heute einen Blick unter die Oberfläche – direkt in das biologische Betriebssystem der Hautzellen. Für Kosmetiker:innen bedeutet das einen fundamentalen Wandel: Statt nur Falten zu behandeln, rückt die funktionale Hautgesundheit in den Mittelpunkt
Die Forschung zeigt heute immer deutlicher, dass Hautalterung lange beginnt, bevor die ersten sichtbaren Veränderungen auftreten. Die Kollagenproduktion sinkt, die Zellenergie nimmt ab und stille Entzündungsprozesse belasten das Gewebe über Jahre hinweg. Sichtbare Falten sind oft nur das Endergebnis dieser Entwicklungen.
Der Pro-Youth-Ansatz setzt deshalb früher an. Statt ausschließlich Symptome zu kaschieren, geht es darum, die biologischen Prozesse der Haut möglichst lange leistungsfähig zu halten. Stell dir die Haut wie ein Unternehmen vor: Klassisches Anti-Aging versucht, Fehler im fertigen Produkt zu korrigieren. Pro-Youth sorgt dafür, dass Budget, Personal und Arbeitsabläufe von Anfang an optimal funktionieren.
Chronologisches Alter und biologisches Alter sind nicht dasselbe
Zwei Frauen können laut Reisepass beide 50 Jahre alt sein und dennoch völlig unterschiedliche Hautbilder zeigen. Der Grund liegt im Unterschied zwischen chronologischem Alter und biologischem Alter.
Das chronologische Alter zählt lediglich die Jahre seit der Geburt. Das biologische Alter beschreibt hingegen den tatsächlichen Zustand unserer Zellen und Gewebe.
Beeinflusst wird dieses biologische Alter maßgeblich durch das sogenannte Exposom. Darunter versteht man sämtliche äußeren Einflüsse, denen wir im Laufe unseres Lebens ausgesetzt sind:
- UV-Strahlung
- Umweltbelastungen
- Stress
- Ernährung
- Schlafmangel
- Rauchen
- Bewegungsmangel
Die moderne Forschung zeigt, dass diese Faktoren direkt beeinflussen können, wie schnell unsere biologische Uhr tickt. Doch wie gelangen diese äußeren Reize überhaupt in die Zelle? Die Antwort liegt in der Epigenetik.
Das Gehirn hinter der Zellalterung
Um zu verstehen, wie Hautalterung wirklich funktioniert, müssen wir die Epigenetik betrachten. Dies haben wir schon in unserem letzten Blogpost genauestens erklärt. Falls du den verpasst hast, unbedingt nachlesen.
Epigenetik kurz erklärt:
Jede Zelle in unserem Körper hat die selbe DNA und könnte somit jede Funktion übernehmen, führt aber nur diejenigen aus, die eingeschaltet sind. Und diese Ein-Aus-Schaltfunktion übernimmt die Epigenetik.
Ein zentraler Mechanismus ist die sogenannte DNA-Methylierung. Vereinfacht gesagt handelt es sich dabei um kleine chemische Markierungen auf der DNA. Im Laufe des Lebens werden bestimmte Gene zunehmend blockiert. Besonders betroffen sind häufig sogenannte „Jugend-Gene“, die beispielsweise für Kollagenbildung, Zellregeneration oder Reparaturprozesse verantwortlich sind.
Ein bekanntes Beispiel ist das Gen COL1A1, das eine wichtige Rolle bei der Bildung von Kollagen Typ I spielt. Wird dieses Gen durch altersbedingte Hypermethylierung zunehmend stillgelegt, verliert die Haut einen Teil ihrer Fähigkeit, neues Kollagen zu produzieren.
Die gute Nachricht: Viele dieser epigenetischen Markierungen sind grundsätzlich reversibel.
Wie Wissenschaft heute das biologische Alter messen kann
Lange Zeit war Verjüngung ein subjektiver Begriff. Sobald die Haut einer Person frischer, straffer oder glatter wirkte, vermutete man eine junge Haut. Objektiv messen ließ sich das jedoch kaum. Mit der Entwicklung sogenannter epigenetischer Uhren hat sich das verändert.
Die Erfindung der Biomarker-Uhren
Bereits 2013 entwickelte der Wissenschaftler Steve Horvath die unter seinem Namen bekannte Horvath's Clock. Sie analysiert 353 spezifische DNA-Methylierungsstellen und kann daraus das biologische Alter von Zellen schätzen. Zeigt also die Uhr ein höheres Alter als die Geburtsurkunde preisgibt, so ist der Körper und somit auch die Haut, biologisch ‚vorgereift‘. Liegt die Uhr deutlich darunter, altert der Organismus langsamer als der Durchschnitt.
Im Jahr 2019 folgte mit GrimAge eine noch präzisere Generation der Messung. Diese Uhr berücksichtigt zusätzlich Faktoren wie chronische Entzündungen und biologische Stressbelastungen. Somit ist sie nicht nur auf „Wie alt sind die Zellen?“ ausgelegt, sondern vor allem darauf, das Risiko für frühere Erkrankung und Sterblichkeit vorherzusagen.
Besonders spannend für die Hautforschung sind jedoch die modernen hautspezifischen Uhren der zweiten Generation, die unter anderem von Beiersdorf und dem Deutschen Krebsforschungszentrum entwickelt wurden. Diese Systeme können heute nicht nur das biologische Zellalter bestimmen, sondern auch Rückschlüsse auf sichtbare Hautmerkmale wie Faltenbildung und Hautalterung ziehen. Damit wird erstmals objektiv messbar, ob eine Intervention tatsächlich biologische Alterungsprozesse beeinflusst.
Ein neuer Ansatz in der Longevity-Kosmetik
Ein Wirkstoff rückt dabei zunehmend in den Mittelpunkt der Forschung:
Dihydromyricetin (DHM).
DHM, auch als Ampelopsin bekannt, ist ein hochreines pflanzliches Flavonoid. Diese Stoffe wirken wie kleine Schutzhelfer für Pflanzen und können auch im menschlichen Körper Zellen vor Belastungen schützen.
Gewonnen wird DHM unter anderem aus:
- Ampelopsis grossedentata (Weinreben-Tee)
- Hovenia dulcis (Japanischer Rosinenbaum)
Während DHM in Asien seit Jahrhunderten zur Unterstützung der Leberfunktion, besonders nach Alkoholkonsum, verwendet wird, hat die moderne Forschung einen völlig neuen Anwendungsbereich entdeckt.
DHM und Longevity
Für die Kosmetik wird DHM heute interessant, weil einige Studien darauf hindeuten, dass es Signalwege beeinflussen kann, die mit Zellalterung, Entzündungen und Kollagenabbau zusammenhängen. Deshalb findet man es zunehmend in Konzepten rund um Pro-Youth, Longevity und Epigenetik.
DHM zählt also zu einer neuen Wirkstoffklasse, die häufig als Longevity Cosmeceuticals bezeichnet wird. Gemeint sind Wirkstoffe, die direkt auf molekulare Alterungsmechanismen einwirken können.
Dabei verändert DHM nicht die Gene selbst. Stattdessen beeinflusst es die epigenetischen Markierungen, die darüber entscheiden, ob Gene aktiv oder blockiert sind.
Kosmetikstudio als konkretes Beispiel
Stellen wir uns die Hautzelle als erfolgreiches Kosmetikinstitut vor. Im Archiv liegen sämtliche Behandlungskonzepte, die jemals hervorragend funktioniert haben. Diese Unterlagen entsprechen den Genen.
Mit zunehmendem Alter werden jedoch auf viele der besten Konzepte rote Aufkleber (Post-its) geklebt: „Nicht mehr verwenden.“ Die Beauty-Konzepte sind weiterhin vorhanden, dürfen aber nicht mehr genutzt werden. Genau das passiert bei altersbedingter Hypermethylierung.
Und nun bringen wir DHM ins Spiel. Wissenschaftlich wirkt DHM als DNMT1-Inhibitor.
DNMT1 ist ein Enzym, das dafür verantwortlich ist, bestehende Methylierungsmuster bei jeder Zellteilung weiterzugeben. Vereinfacht gesagt sorgt es dafür, dass gealterte Programme von Generation zu Generation kopiert werden. DHM greift in diesen Prozess ein.
In unserer Analogie übernimmt DHM die Rolle einer neuen Archivleiterin. Sie identifiziert blockierte Jugend-Konzepte, entfernt die roten Sperrvermerke und ermöglicht es der Zelle, wieder auf leistungsfähigere Programme zuzugreifen.
Studien zeigen bemerkenswerte Ergebnisse
Wie schon erwähnt, gibt es bereits interessante Studien zu diesem Thema. Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Falckenhayn-Studie aus dem Jahr 2024. In einem umfangreichen Screening wurden 1.800 Naturstoffe und 640 zugelassene FDA-Medikamente auf ihre epigenetische Wirkung untersucht.
DHM erwies sich dabei als besonders effektiver DNMT1-Inhibitor.
Die veröffentlichten Ergebnisse sind bemerkenswert:
- In Keratinozyten konnte das biologische DNA-Methylierungsalter um etwa 2 Jahre gesenkt werden.
- Das gemessene Rejuvenation-Signal entsprach einer Umkehr von rund 3,7 Falten-Akkumulierungsjahren.
- In 3D-Hautmodellen wurden 34 altersbedingt stillgelegte Gene wieder aktiviert.
- In In-vivo-Untersuchungen verschoben sich über 95 % der altersrelevanten Methylierungsstellen zurück in Richtung eines jüngeren Profils.
Die Forscher konnten damit erstmals zeigen, dass gezielte epigenetische Interventionen biologische Alterungsmarker tatsächlich messbar beeinflussen können.

Warum DHM nicht allein wirken kann
DHM wird aufgrund der Anwendungsresultate oft als neuer Anti-Aging-Wirkstoff beschrieben. Tatsächlich ist seine Rolle jedoch eine andere. Denn ohne die wesentlichen Wirkstoffe im Körper, passiert wenig.
Hyaluronsäure und Peptide
DHM ergänzt diese Wirkstoffe auf einer bestimmten Ebene:
- Hyaluronsäure sorgt für Feuchtigkeit und Aufpolsterung.
- Peptide senden Signale für Regeneration und die Anweisung zur Kollagenbildung.
- DHM kann die epigenetischen Voraussetzungen schaffen, damit diese Signale überhaupt wieder optimal verarbeitet werden.
Vom Labor in die Kabine
Für Kosmetiker:innen eröffnet sich dadurch eine völlig neue Welt. Besonders interessant ist DHM in Kombination mit Behandlungen, die einen gezielten Regenerationsreiz setzen:
- Microneedling
- RF-Needling
- Fractional-Nano RF
- chemische Peelings
- weitere hautstimulierende Verfahren
DHM kann anschließend die molekularen Rahmenbedingungen unterstützen, damit die Haut diesen Reiz möglichst effizient nutzt. Dadurch entsteht eine interessante Synergie zwischen apparativer Kosmetik und moderner Epigenetik.
Die Zukunft gehört der funktionalen Hautgesundheit
Aufgrund der zunehmenden Möglichkeiten zur Hautanalyse bewegt sich die Kosmetikbranche weg von rein optischen Versprechen und hin zu wissenschaftlich nachvollziehbaren Konzepten. Epigenetik ist dabei kein kurzfristiger Trend, sondern ein Forschungsgebiet, das unser Verständnis von Hautalterung grundlegend verändert.
DHM gehört zu den ersten Wirkstoffen, für die belastbare Daten vorliegen, die einen direkten Einfluss auf epigenetische Alterungsmarker zeigen. Damit verschiebt sich die Perspektive von der reinen Faltenkorrektur hin zur Frage: „Wie lange kann die Haut ihre biologischen Funktionen auf einem möglichst jungen Niveau aufrechterhalten?“
Genau hier beginnt die Pro-Youth-Ära.
Nicht der Kampf gegen das Altern steht im Mittelpunkt, sondern die Unterstützung einer möglichst lange funktionierenden, gesunden und leistungsfähigen Haut.
Links:
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10944877/
https://www.altmeyers.org/de/naturheilkunde/dihydromyricetin-160719
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Details findest du auf unserer Mietseite.
